Portrait aus Stein

Nach fast zwei Jahren Ausbildung hier in Spilimbergo, mit römischen Pfauen, indirekt gearbeiteten Vögeln und byzantinisch bewegtem Höllenfeuer, ist für mich eine der bisher schönsten Phasen in der Schule gestartet: Wir arbeiten an Mosaikportraits, und es ist wahrscheinlich dieses das Thema, das die Ausbildung hier so besonders macht.

Jetzt zahlen sich die vielen Stunden aus, in denen wir Kopien antiker Mosaiken angefertigt und Teilchen für das rovescio Abreiten nach Facchina vorbereitet haben. Denn die in diesen Arbeiten erlangte Sicherheit im Umgang mit Material und Werkzeug lässt uns nun die Freiheit, sich voll und ganz auf die Auswahl von Farben und passendem Material zu fokussieren.

Mein Portrait ist eine Interpretation von Vittorio Matteo Cocos Il sogno von 1869. Es zeigt eine junge Dame, die auf einer Bank sitzt, mit verträumten Blick ihrem Betrachter zugewendet, einen Arm auf der Lehne abgelegt, einen Arm auf dem Knie abgestützt, ihr Kinn in die Handfläche schmiegend. Ich wollte vom ersten Moment an genau sie, wegen ihrer blauen, ausdrucksstarken und in Gedanken verlorenen Augen, eingerahmt von einem ebenso blauen Seidenschal und braunen Locken. Ich mag die Art wie die gut situierte und offensichtlich gebildete junge Dame aus der glänzenden Belle Epoque lässig auf der Bank sitzt, neben Büchern, Hut und Sonnenschirm und mit übereinander geschlagenen Beinen. Mir gefällt ihre ins Violette tendierenden Haut und Haare, die mit dem gelben Mauerwerk hinter ihr kontrastieren.

Angefangen habe ich mit meinem Mosaik am hellsten Punkt des Bildes, um so den Farbverlauf bis zum dunkelsten Punkt festzulegen und davon alle weiteren Farbschattierungen abzuleiten. Im Marmor, dem farblich wunderschön variierenden Sasso Americano und dem sonstigen Sammelsurium das wir hier zur Verfügung stehen haben, suche ich wie ein Gräber im Goldrausch nach den richtigen Farben für die Haut der Dame, die von Zitronengelb über Himbeerfarben bis hin zu dunkelvioletten Tönen reicht. Manchmal sind es zwei winzige Tupfer Gelbgold, die ein Stück Travertino Rosso zum perfekten Teilchen machen, oder die gelben Sprenkler in einem alten Stück rostbraunen Ziegel.

Interessant ist, dass tatsächlich jeder in meinem Jahrgang sein Portrait auf andere Art umsetzt. Nicht nur was das Material angeht (manche arbeiten nur mit Smalten, manche mischen Glas und natürliches Material) sondern auch hinsichtlich der Technik. So wie in der Malerei jeder seinen eigenen Strich hat, schlägt und legt hier in der Schule jeder anders, und mal sieht man sehr ebene, harmonische Oberflächen, mal wildere Kompositionen, die auch die Integration ungewöhnlicher Formen und Materialien zulassen.

Schon bei meinem ersten Besuch in der Schule bin ich vor einem Mosaikportrait mit offenem Mund stehen geblieben, verloren in den Details der einzelnen Steinchen, fasziniert von den Farbverläufen in den Linien, dem so real erscheinenden Blick, der in dem Gesicht aus Marmor lag. Nun bin ich selbst dabei ein solches Portrait fertigzustellen. Es jeden Tag wachsen zu sehen, erst Augen, dann Nase und bald Mund möglichst realistisch herauszuarbeiten, den Schwung und die Wölbung der Wangen nachzuempfinden, all das macht mich richtig glücklich.

Ich kann es kaum erwarten, das Gesicht fertigzustellen und mich an die Haare, den Stoff des Kleides und den Hintergrund zu machen und habe auch schon ein paar Ideen zur Wahl des Materials. Das Resultat der Arbeit folgt wie üblich in ein paar Wochen!

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