Mit Sicherheit ohne Sicherheit – Wieso ich 9 to 5 gegen einen Mosaikhammer getauscht habe

Für mich war Sicherheit immer das oberste Gebot.

Ein sicherer Job mit sicherer Zukunft, ein sicheres Gehalt das ich für eine gute Position in einem guten Unternehmen verdiene, mit guten Aussichten für eine noch bessere Position. Ein Job, der es mir irgendwann auch erlaubt, Familie und Beruf zu vereinbaren, mit netten Kollegen und einer netten Atmosphäre.

Wieso ich all das wollte?

Vielleicht deshalb, weil finanzielle Sicherheit in meiner Familie nie so recht bestand. Und ich das Gefühl hatte ich müsste sie für mich herstellen. Alles andere würde dann schon passen. Vielleicht, weil wir als junge Menschen das Gefühl vermittelt bekommen, dass ein gutes Gehalt, ein Haus, ein Auto und ein Bausparvertrag wichtig sind im Leben und – genau – Sicherheit vermitteln.

Ich habe das auch geglaubt. Bis ich irgendwann verstanden habe, dass nichts im Leben sicher ist. Bis auf die Tatsache, dass Glück nicht mit Sicherheit einhergeht. Oder anders gesagt: Mein Leben war mir eine ganze Spur zu langweilig geworden.

Nach 2 Monaten bekam ich Blockaden im neuen Job als Onlinemanagerin, der mir im Bewerbungsgespräch noch perfekt erschienen war: Familienunternehmen, ordentliche Arbeitszeiten, gutes Gehalt, schönes Arbeitsklima, Kantine mit frisch gekochtem Essen, Kollegen, die sehr sympathisch auf mich wirkten (und es auch noch waren!).

Jeder würde sofort ‘Juhu’ schreien und sich denken: ‘Yes, das ist doch mal eine ordentliche Arbeitsstelle’. Ich aber dachte ‘Nein, das bin nicht ich! Ich mache hier so abstrakte Dinge, dass ich den Wert, der in ihnen steckt nicht verstehe. Ich erstelle Präsentationen mit Konzepten, die zwei Jahre liegen bleiben werden, bevor – wenn ich Glück habe – ein Zehntel von Ihnen umgesetzt wird. Ich komme schon morgens mit einer Lethargie ins Büro, die mich selbst vor Scham erblassen lässt.’

Immer wieder ertappte ich mich in Meetings und am Schreibtisch beim Abschweifen: ‘Ich möchte endlich wieder über Dinge sprechen, die mich wirklich interessieren! Bei denen ich sofort Feedback bekomme, ich sofort das sehen und anfassen kann, was ich gemacht habe. Ich will wieder mal das Gefühl haben, geniale Gedanken in geniale Ideen verwandelt zu haben. Und am Ende des Tages zumindest für mich genial erscheinendes erschaffen zu haben. Ich will endlich wieder etwas Konkretes machen, meine Hände für andere Zwecke nutzen als die Klaviatur meines Computers!’

Nach 6 Jahren Studium inklusive unzähliger Praktika und Nebenjobs und 5 Jahren Berufserfahrung als Projektmanagerin im Onlinebereich diverser Unternehmen war der Groschen gefallen. Ich hatte verstanden, dass ich zurück zu meinen Wurzeln musste. Aber was in aller Welt waren diese Wurzeln?

Egal, was ich als Kind und Jugendliche gemacht habe. Es waren immer kreative Prozesse. Ich erschuf Dinge mit meinen Händen. Kleider für meine Barbies (wer mal eine Hose mit 1 cm Beinweite von rechts auf links gekrempelt hat, weiß was das bedeutet), kleine Stofftiere, Comics, Origamivögel, Figuren aus Fundstücken in der Natur. Was auch immer. Am Schreibtisch meiner alten Arbeitsstelle sitzend, sinnierte ich eines Tages darüber was ich wohl zuletzt wirklich Schönes mit meinen eigenen Händen erschaffen hatte. Mir fiel der Bilderrahmen ein, den ich für die Hochzeit meiner Schwester gestaltet habe. Aus rund gewaschenen Majolika-Fliesen, gefunden am Strand von Ischia vor Neapel. Und auf einmal dachte ich: ‘Hey! Bevor ich meinen Job an den Nagel hänge, könnte ich einen ersten Schritt zurück zu meinen eigentlichen Leidenschaften machen und in meiner Freizeit Mosaikkurse besuchen!’

Aus dem Besuch einiger Mosaikkurse wurde eine tiefe Begeisterung für das was Mosaikkunst heute ist. Aus dem ‘wieso finde ich online keine Infos zu dem Thema’ wurde mein eigener Blog. Aus dem ‘bevor ich meinen sicheren Job an den Nagel hänge’ wurde ‘ich hänge verdammt noch mal meinen Job an den Nagel und starte noch mal von vorne’. Ich war endlich wieder in meinem Element. Und fühlte mich wie aus einem langen Schlaf erwacht. Voller Energie, die mich nachts kaum ein Auge zu kriegen ließ. Voller Ideen, die ich am liebsten am nächsten Tag schon in die Tat umsetzen wollte.

Rund 2 Jahre sind vergangen, seit ich zum ersten Mal den Mosaikhammer in die Hand genommen und Glas damit geteilt habe. Ungefähr zeitgleich habe ich den ersten Blogpost hier auf mused-mosaik.de veröffentlicht, um der Mosaikkunst mehr Sichtbarkeit und Interessierten eine Plattform zu geben. Vor einem Jahr habe ich meinem alten Arbeitgeber ‘Adieu’ gesagt und bin nach Spilimbergo gekommen, um an einer traditionsreichen Schule in Norditalien eine dreijährige Ausbildung zur Maestra Mosaicista zu machen.

All das was ich in den letzten 2 Jahren gemacht habe, Interviews mit Künstlern, Arbeiten mit anderen Mosaicisti, Videos über das was Mosaik heute ist. Es erscheint mir wie ein Wimpernschlag, so leicht und weich wie es mir von der Hand geht. Ich muss mich nicht mehr zwingen, die Dinge anzugehen. Weil ich für das brenne, was ich täglich tue.

Ich sage nicht, dass mir diese 180 Grad Wendung leicht gefallen ist. Im Gegenteil: In den ersten Monaten meiner Ausbildung kamen  immer wieder Zweifel auf: ‘War das der richtige Weg? Halte ich die drei Jahre durch? Was mache ich nach den drei Jahren? Was mache ich, wenn mein Erspartes sich dem Ende neigt?’

Manchmal hatte ich das Gefühl, oben nicht mehr von unten zu unterscheiden. Ich hatte mich so sehr an die Droge Sicherheit gewöhnt, dass ich das Gefühl hatte auf Entzug zu sein. Ich war es nicht mehr gewohnt, mit finanziellen Engpässen umzugehen, nicht zu wissen, wie ich im nächsten Jahr da stehen würde. Ich war nun selbst verantwortlich für meine Zukunft und die Art wie ich sie gestalten wollte.

Urvertrauen zu haben in meine Entscheidung und allen Hindernissen zu trotzen, das musste ich erst üben. Und ich hatte das Gefühl, Hindernisse gab es auf einmal überall. Monatelanger Dauerregen in Spilimbergo, teilweise sehr unitalienisch verschlossene Menschen, leere Bürgersteige, die im Winter ab 17 Uhr nicht mal ein Hund entlang lief. Zweifler in der Heimat, die nicht aufhören wollten mich zu fragen: ‘Und machst du wirklich die drei Jahre Ausbildung fertig?’

Irgendwann aber begann ich, die Hindernisse als Herausforderung zu sehen.

“If I can make it there, I’ll make it anywhere.”

Dieser Satz wurde während des ersten Jahres hier im Friaul zu meinem Leitspruch. Und im zweiten Jahr der Ausbildung fühle ich mich stark wie nie. Ich weiß, dass der Weg, den ich eingeschlagen habe links und rechts mit Überraschungen wartet. Und sicher nicht alles so verlaufen wird wie ich vermute. Aber genau das ist es, was mir in meinem Leben gefehlt hatte: Die Unbestimmtheit, das Unerwartete, die Zufälle. Das Gefühl, dass auf irgendeine magische Weise auf einmal alles zusammen passt.

Und wie es zusammen passt! Im Sommer habe ich mein erstes Praktikum bei einer Mosaicista absolviert. Wir wollen langfristig zusammen arbeiten und tüfteln derzeit an einem gemeinsamen Projekt. Eines meiner Videos ist in der Endauswahl eines internationalen Videowettbewerbs und wird derzeit im Museum MAR in der Mosaikstadt Ravenna gezeigt. Es haben sich für meinen Blog diverse Kooperationen mit Onlineshops, Kunstliebhabern und Herstellern von Werkzeug ergeben.

Das was ich handwerklich als Mosaicista und journalistisch-beschreibend für mused-mosaik.de mache, ist sicher nicht perfekt. Aber es gibt eine Entwicklung, ich lerne jeden Tag. Ich weiß, dass ich etwas bewege und ich mit meinem Blog Menschen für das was Mosaik heute ist begeistere. Dass spannende Projekte mit Mosaikmachern und Kreativen aus anderen Bereichen auf mich warten.

Nichts kann die Gänsehautmomente aufwiegen, die ich in den letzten Monaten hatte. Keine Million Euro. Kein Haus, kein Auto. Ich habe meine Nische gefunden in dieser Welt. Und das fühlt sich verdammt gut an.

Ganz sicher.

Dieser Beitrag ist im Rahmen des ERGO-Awards “Dein Weg” entstanden.

Foto: Pierre Planchenault

Nachtrag vom 3. November 2014: 
Ich habe es mit diesem Beitrag in die Finalrunde des Wettbewerbs  ERGO-Awards “Dein Weg” geschafft! Das bedeutet, vom 17. bis 28. November 2014 könnt ihr auf dem Blog der ERGO für mused abstimmen und mir so dabei helfen, mused-mosaik.de weiter auszubauen. Sobald der Link für die Abstimmung feststeht, werde ich ihn hier veröffentlichen.

Nachtrag vom 17. November 2014:

Es kann nun bis zum 28. November 2014 pro Emailadresse einmal abgestimmt werden unter ergo.blog.de. Alternativ kann auch nach Einloggen mit Facebookprofil gevotet werden.

Nachtrag vom 30. November 2014:

Die Abstimmung ist beendet und ich habe es mit der Story auf den 5. Platz geschafft! Herzlichen Dank an alle, die für mich abgestimmt haben!

 

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9 Comments

  • Toller Bericht, erkenne mich da komplett wieder. Ich stehe auch gerade vor einer beruflichen Veränderung, und Dein Bericht bestärkt mein Vorhaben.

    Alles Gute und viel Erfolg

    LG

    Sebastian

    • Hallo Sebastian, schön zu hören, dass dir meine Geschichte Mut macht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass einem positive Beispiele Rückenwind bei der Veränderung geben.
      Alles Gute für dein Vorhaben!
      Liebe Grüße, Miriam

  • Ja, ein sehr mutmachender Bericht. Ich stehe nicht vor einer grossen beruflichen Veränderung, doch bestärkt mich dein Tun und Schreiben im weitermachen. Im weitermachen, ….-entwickeln, …-planen, …. . Denn das Leben spüre ich, wenn sich meine Gedanken und Träume erfüllen. Das ist für mich in der Kunst möglich. Das Leben geht weiter mithilfe der Kunst, eine Station ist erreicht und die nächste tut sich auf. Eine Idee ist umgesetzt und die nächste ist schon geboren. Wie schön fühlt sich dieses Leben an. Vielen Dank für die bestätigenden Worte.
    liebe Grüsse, Ludwina

    • Danke liebe Ludwina, manchmal braucht es auch gar keine radikale Veränderung, sondern das Bewusstsein dafür, was uns gut tut. Häufig verlieren wir das Gefühl dafür, weil uns zu viele andere Dinge beschäftigen. Schön, dass du dir deine Träume erfüllst und Ideen umsetzt!
      Liebe Grüße, Miriam

  • Hallo liebe Miriam,
    toll geschrieben, toller Bericht – ich habe momentan nine to five und das ander noch dazu also 60 Stunden Woche und wenn ich so weitermache, bekomme ich Probleme – deshalb versuche ich auch gerade alle etwas “Umzulenken” – da eine muss weniger werden, das andere kann mehr werden. Ich arbeite daran, aber ein paar Klimmzüge dauert es noch. Viel Freude in Deinem 2. Jahr und der Umsetzung Deines Lebens. Caroline

    • Liebe Caroline, danke für die netten Worte! Ich bin sicher, du findest einen Weg, alles unter einen Hut zu bekommen und dir deine Zeit so zu gestalten, wie sie dir am besten gefällt!
      Liebe Grüße
      Miriam

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