10 im Quadrat

Auf diesen Moment habe ich lange gewartet. Hier in der Schule in Spilimbergo zu sitzen und endlich wieder einen Mosaikhammer in die Hand zu nehmen. Fast ein Jahr nach meinem Kurs bei KOKO Mosaico in Ravenna. Das Tolle ist: Diesmal gehe ich nicht nach einer Woche in meinen Job zurück. Nein, ab sofort habe ich 18 Stunden Mosaikpraxis pro Woche, ein ganzes Schuljahr lang.

Ja, es ist komisch mit 31 wieder den Schulgong zu hören. Und die Lehrerin mit “maestra” anzusprechen. Einen Schülerausweis zu besitzen und eine Art Klassenheft, in dem die Fehlstunden eingetragen werden. Aber all die Ordnung und Regeln haben auch etwas. Sie erinnern mich jeden Tag daran, dass ich noch mal von vorne anfange.

Die altehrwürdigen Holzschulbänke und Höckerchen, die zerfledderten Sammelbehältnisse aus Karton und die geschichtsträchtigen Räume verpassen mir in regelmäßigen Abständen eine Gänsehaut. Zum Beispiel die Terrazzowerkstatt im Keller. Hier zeugen die Säulen, die sich im Raum verteilen von Probearbeiten aus fast 100 Jahren. Eine Übungsfläche schmiegt sich über die andere – wie Gesteinsschichten verschiedener Zeitalter.

In meiner Klasse (auch dies ein Terminus, an den ich mich wieder gewöhnen muss) sind wir 16 Schülerinnen und Schüler. Ich bin in der 1B und, – wie sollte es anders sein – es gibt noch eine Parallelklasse: die 1A. Die Schüler hier kommen aus der ganzen Welt: Griechenland, Frankreich, USA, Russland… um nur einige Nationen zu nennen.

Egal, mit wem ich mich unterhalte: jeder hat eine andere Story parat, wie er zum Mosaik und an diese Schule gekommen ist. Häufig über Empfehlung eines ehemaligen allievo (bei mir war das die fabelhafte Ruth Minola Scheibler, die mich mit Erzählungen vom Steine Suchen im Fluss Tagliamento begeistert hat), manchmal auch über eine Doku. Meistens über Zufälle.

Ich gebe zu: Dem Hammer beizubringen, dem eigenen Willen zu folgen ist nicht so einfach. Jedenfalls, wenn die Steinchen genau 1 x 1 Zentimeter groß sein sollen, pyramidenartig aufsteigend, mit gleicher Höhe. Denn wir fangen an mit rovescio su carta, eine indirekte Legetechnik. Zwischen den Steinen darf so gut wie keine Fuge zu sehen sein, daher muss die gegenüberliegende Seite der glatten Sichtfläche etwas schmaler sein, um zwischen den Steinen genügend Platz für das Bindemittel zu lassen.

1 x 1 cm große Steine zu schlagen war also diese Woche unsere Aufgabe – unter anderem. Denn dann kamen die 3- und 5-Ecke an die Reihe. Mehr oder weniger gut klappte irgendwann aber auch das.

Diese Woche gelernt

  • Man sitzt nicht wie ein Cowboy am ceppo* (Holzstamm, an dem man die Steine klein schlägt) – jedenfalls nicht hier in Spilimbergo – , sondern als Rechtshänder rechts daneben und dreht sich nach links, um mit dem Hammer zu schlagen (als Linkshänder umgekehrt).
  • Der Hammer wird am unteren Ende des Griffes gehalten und sollte fest in der Hand liegen. Beim Schlagen bewegt man nur das Handgelenk auf und ab. Der Arm liegt eng am Körper an und bewegt sich nicht. Dabei profitiert man vom Gewicht des Hammers, lässt ihn also eher fallen als mit Wucht zuzuschlagen. Die Fläche des Steins, die auf dem tagliolo aufliegt muss guten Halt haben, damit der Stein beim Schlagen nicht verrutscht. Der Hammer sollte möglichst waagerecht auf den Stein prallen.
  • Für feine Korrekturen hält man die martellina (Mosaikhammer) eng unter dem Kopf. Entweder mit der Spitze oder mit der glatten Seite der martellina kann man sehr präzise arbeiten. Allerdings liegt der Stein dabei nicht auf dem tagliolo (dem Gegenstück zum Hammer, auf dem man sonst den Stein ablegt), sondern auf der Holzoberfläche des ceppo.

PS: Sobald ich das Gefühl habe, eine gewisse Kontrolle über den Hammer erlangt zu haben, werde ich ein paar kurze Videotutorials zum Umgang mit der martellina erstellen.

* frei zitiert nach meiner maestra

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