Momentaufnahme

Ich liebe sie einfach: Diese Momente, wenn das Universum sagt: das wird schon alles, du bist auf dem richtigen Weg. Gerade dann, wenn mir schlechte Laune, Herbstblues oder einfach eine Laus über die Leber gelaufen sind. Oder noch schöner: wenn gerade alles blendend läuft und dann dieser Moment alles noch mehr zum Strahlen bringt. 

Ja, ich liebe diese Momente. Man könnte fast sagen ich sei süchtig nach ihnen. Mein Lieblingsmoment diese Woche war dieser:

Vor einem Café auf meine Verabredung wartend stehe ich an einem dieser Bücheraustauschregale. (Das Konzept ist einfach erklärt: Man kann sich ein Buch aus einem solchen öffentlichen Bücherschrank auf der Straße nehmen, es später wiederbringen oder behalten. Im Gegenzug legt man irgendwann ein anderes Buch ins Regal.)

Weil mein Date spät dran ist, streift mein Blick Reihe für Reihe über die Buchrücken. Vom Meerschweinchenratgeber bis zum Stephen King Thriller ist so ziemlich alles dabei. Nur nichts, was meine Neugier weckt.

„Das kann nicht sein. Hier muss doch irgendwas dabei sein“, denke ich, schon fast enttäuscht über den ausbleibenden Erfolg meiner Stöberminuten.

Also suche ich weiter, laufe mehrmals um das Regal herum, lese akribisch jeden Titel. Und dort steht es: Ein unscheinbares Buch mit dem Titel Mirjam. Amüsiert ziehe ich es zwischen zwei dicken Schinken hervor. Auch wenn mein Name sich etwas anders, nämlich Miriam, schreibt: Grund genug zur Freude war das schon und völlig ausreichend, um zufrieden zu sein mit meinem Fund. Dann erst sehe ich das Titelbild: Es zeigt ein Fragment eines Fußbodenmosaiks der Kirche des Brotvermehrungswunders in Tabgha am See Genezareth.

So grandios war dieser doppelte Zufall, dass ich fast meine atheistische Neigung verloren hätte. Im Buch geht es um Maria Magdalena. Will mir da oben jemand was sagen?

Scherz beiseite.

Vielleicht passieren diese Dinge einfach, wenn man aufmerksam durchs Leben geht und den Dingen die Zeit gibt zu passieren. Wenn man inne hält vor einem Bücherschrank, an dem man sonst vorbei gelaufen wäre.

Nein, das wäre dann doch zu einfach. Am Ende glaube ich schon an eine höhere Macht. An eine Energie, die diese Welt zusammenhält. Ob sie Gott heißt, Universum oder Schicksal ist mir eigentlich völlig egal, solange sie für Momente wie diese sorgt und mich glücklich macht.

Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, was ich ins Regal zurückstelle.

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